Letzte Woche bin ich gefragt worden, ob es nicht viel sinnvoller ist „Multisite“ Gemeinden zu gründen. Ein paar Gemeindegründungsgedankensplitter … 😉
Eine Multisite Gemeinde ist eine einzige Gemeinde, aber in der Regel mit einem (Haupt-)Pastor und einem Leitungskreis. Eine Multisite Gemeinde feiert in der Regel aber die Gottesdienste zusätzlich zum Hauptcampus an unterschiedlichen Standorten.
Argumentation für Multisite …
Es liegt häufig folgende Argumentationskette zugrunde:
Wenn ich ein neues Café irgendwo an einer anderen Stelle der Stadt eröffne, dauert es Jahre, bis Menschen herausgefunden haben, dass ich nun dort bin. Selbst wenn sie es herausfinden, werden sie nicht meinen Espresso probieren, denn sie kaufen sich bereits ihren Kaffee in einem anderen Café, dass bereits vor Ort ist, nennen wir es „Cafékette Sternenbock“.
Auf der anderen Seite, wenn „Sternenbock“ einen neuen Standort eröffnet, werden sofort Hunderte von Menschen an diesem neuen Ort Stammgäste. Warum ist das so? Sie kennen bereits die „Sternenbock“ Marke und wissen, welche Auswahl an Kaffee es dort gibt und wie die Pappbecher schmecken.
Viele Gemeinden wären daher aus meiner Sicht zu einer Multi-Site-Strategie aus folgenden Gründen zu bewegen:
Eine eigenständige Gemeinde zu gründen kann Jahre dauern, bis diese wirklich selbstständig ist. Aber eine Erweiterung der etablierten größeren Gemeinde kann viel leichter entstehen. Statt mühsam mit einem kleinen Starteam sich zu fragen, wie Gemeinde an dem neuen Ort und Kontext aussehen könnte, kann man mit vielen Besuchern am ersten Tag rechnen, weil viele die Hauptgemeinde bereits kennen und gut finden.
Aber ist dass wirklich sinnvoll?
In einer zunehmend kirchenfernen Kultur in Deutschland können auch die beste Anbetung und tollste Gottesdienstqualität ihren Reiz verlieren. Natürlich, Gemeinden wie ICF oder weitere fahren – etwas sehr platt formuliert – genau eine solche attraktionale Strategie. Aber ist das die Zukunft oder Ausdruck einer perfektionierten Vergangenheit?
Die Popularität von vielen Amateurproduktionen z.B. bei Youtube Vlogs u.v.m zeigt,
dass die Richtung der Entwicklung der Gesellschaft in Richtung Authentizität geht. Ist eine Gemeinde mit einem großen zentralen Campus mit tollen Rednern und perfektem Musikteam und zusätzlichen Standorten die Zukunft? Drei Gedanken dazu …
Hmm gibt´s auch Gedanken, die dagegen sprechen …
Pastorale Verantwortung
Eine potentielle Multisite Gemeinde hat die gute Absichten, neue Standorte entstehen zu lassen. Es gibt einen Hauptpastor. Predigten werden z.T. vielleicht live gehalten oder live übertragen. Alle Standorte gehören zu der einen Gemeinde. Dadurch werden weniger Ressourccen benötigt.
Es kann aber auch dazu kommen, dass bei einer solchen Struktur einige typisch pastorale Aufgaben reduziert werden oder verlorengehen: Für die Kranken zu beten (Jakobus 5,14), die Herde zu weiden (1. Petrus 5,1ff), Gemeindekorrektur und Seelsorge (1. Korinther 5), das Brot zu brechen (Apostelgeschichte 2,42) …
Natürlich haben wir das allgemeinde Priestertum und dies alles muss nicht der „Campuspastor“ selbst machen, aber es geschieht häufig nicht oder nur unzureichend.
Der Schwerpunkt bei Multisite Gemeinden liegt oft mehr auf der „Veranstaltung“ und weniger auf der „Gemeinde“. Es wird vielleicht nicht eine Gemeinde, sondern ein Gottesdienst an einem anderen Ort gegründet. Die Menschen kommen, um den Campuspastor (evtl. als Übertragung) zu hören und vielleicht das tolle Musikteam zu genießen, dass z.T. die Hauptgemeinde stellt.
Christliche Gemeinschaft
Mit dem Hirtenamt der Ältesten verbunden ist die Gemeinschaft der Glaubenden. Die Gemeinde ist nicht nur ein nettes Meeting. Eine Gemeinde sind Christen, die Leben miteinander teilen und zum Wohl der Gesellschaft und Nachbarschaft zusammenarbeiten. Eine Schwäche von Multisite Gemeinden ist, dass zu einer Konsummentalität kommen kann. Natürlich ist dies nicht nur ein Problem von Multisite Gemeinden sondern grundsätzlich von Gemeinden, in die man geht um nett zu chillen. Und da drückt ein Multisite Standort schon so ein wenig eine solche Mentalität aus. Das wird noch verstärkt dadurch, dass diese Gemeinschaft von Anfang an nicht darauf angelegt ist selbst kreativ und selbständig zu werden. Sie ist Teil der gesamten Gemeinde mit deren Indentität. Natürlich gibt es Multisite Gemeinden, wo das trotzdem funktioniert, dass die einzelnen Standorte ihre Stadtteil entdecken und sich dort engagieren und ganz bewusst sich die Frage stellen, was die Menchen HIER brauchen.
Neue Leiter und Redner
Ich glaube weiter, dass Multisite Gemeinden nicht so viele neue kreative Leiter und neue junge Redner hervorbringen. Wenn eine Gemeinde an mehreren Stadorten – wie in den USA üblich – sehr stark auf den einen Hauptcampus Seniorpastor fokussiert ist, der am Sonntag 5000 Leute insgesamt mit seiner tollen Predigt auf die Sitze fesselt, ist es für andere Redner schwer, ihre Gaben auszuprobieren. In jungen selbstständigen Gemeinden sehen wir, dass sie eine Brutstädte für Leiter sind. Die Redner wachsen mit ihren Gemeinden mit. Es gibt nicht die großen Hemmschwellen, sich auszuprobieren.
Und nun?
Bin ich also gegen „Multisite“? Nein, eigentlich nicht. Ich glaube auch, dass es funktionieren kann, auch in Deutschland. Aber ich bin gegen eine ausgeprägte Konsumhaltung in Gemeinden und gegen eine Einschränkung von Kreativität. In der Kirche geht es nicht darum, der beste Lieferant von religiösen Waren und Dienstleistungen zu sein.
Es geht also nicht darum eine weitere „Sternebock“ Filiale zu eröffnen oder „McChurch – ich liebe es“ Standort zu gründen.
Es geht nicht darum, eine „Komm und schau …“ – Mentalität zu fördern.
Die Frage ist, dient die Form meinem Ziel? Wenn das Ziel eine Vervielfältigung von Gläubigen, eine Vervielfältigung von Angeboten und Diensten, eine Vervielfältigung von vielfältigen Gemeinden ist … dann würde ich vielleicht eine andere Form wählen …
Wenn es schon ein unselbstständiger Standort sein soll, wäre es noch wichtiger drauf zu achten, dass es einen sehr hohen Wert hat das Evangelium – wie auch immer – weiterzugeben.